Was bleibt, wenn ich gehe
Man sagte mir, das Herz sei ein Haus,
aus dem man einen Menschen führen könne,
sanft, Zimmer für Zimmer,
bis das Licht erlischt und Stille einzieht.
Ich habe es versucht.
Ich habe die Tür geschlossen,
habe im Gehen dein Glück gewünscht
wie man einer Kerze ins Dunkel nachsieht
und dachte, das sei das Ende.
Doch ich hatte nur den Weg zu dir verschlossen,
nicht das Feuer.
Denn du bist geblieben.
Nicht als Mensch an meiner Seite,
sondern als Wärme unter der Haut,
als ein Name, den mein Blut noch flüstert,
wenn mein Kopf längst schweigt.
Mein Verstand hat alles ausgerechnet.
Er weiß, dass du mich nie so meinst,
weiß, dass selbst der schönste Traum von uns
kein Dach gehabt hätte, unter dem wir alt geworden wären.
Er hat es zu Ende gedacht, bis zum letzten Bild
und trotzdem
schlägt mein Herz, wenn du von Weitem gehst,
und trotzdem
zieht sich alles in mir zusammen,
wenn ich höre, dass dir weh geschieht.
Der Kopf rechnet.
Das Herz kann es nicht.
Das ist mein Widerspruch, mein roter Faden:
Ich hoffe. Noch immer.
Gegen jede Vernunft, gegen jedes Wissen,
eine wilde, unmögliche Hoffnung
und jedes Mal, wenn ich erkenne,
dass sie ins Leere greift,
zerbricht sie in mir, als wäre es das erste Mal.
Vielleicht halte ich sie nicht aus Torheit fest.
Vielleicht ist sie der letzte, dünne Faden,
der noch von mir zu dir hinüberreicht.
Ihn loszulassen hieße,
dich zweimal zu verlieren
einmal als Wirklichkeit
und einmal als den Traum, der mir noch bleibt.
Und ich weiß nicht, wer ich bin
in der Stille, die dann käme.
Und doch bin ich gegangen.
Nicht weil das Feuer erlosch,
sondern weil es brannte
und ich lernen musste,
mich nicht selbst darin zu verlieren.
Ich habe die Liebe behalten
und mich trotzdem in Sicherheit gebracht
und ich glaube, das war das Tapferste,
was ein Herz wie meines tun kann:
lieben
und trotzdem gehen.
Und hör mich recht:
Du trägst an nichts die Schuld.
Ein Herz wählt, wen es wählt,
und deins hat frei gewählt
das ist dein Recht, und ich verwehre es dir nicht.
Du schuldest mir kein Ja.
Du schuldest mir nicht einmal ein Bedauern.
Dass du gehst, wohin du gehst,
zu wem du willst –
es macht dich nicht schuldig.
Es macht dich nur zu dir.
Und ich?
Meine Liebe stellt keine Bedingung.
Sie gilt, ob du bleibst oder gehst.
Vielleicht muss diese Liebe nicht sterben,
damit ich wieder atmen kann.
Vielleicht muss sie nur leiser werden
nicht weniger,
nur anders.
Kein Verlangen mehr, das mich zerreißt,
sondern ein stilles, unverrückbares
„ich liebe dich,
und es ist wahr."
Das kann mir niemand nehmen.
Nicht die Zeit.
Nicht die Vernunft.
Nicht einmal du.
