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Geblendet vom eigenen Spiegel

Clara hatte schon immer zu jemandem aufgeblickt.
Früher war es ihr Vater gewesen, später Lehrer, Chefs – aber niemand prägte sie so nachhaltig wie Leo.

Leo war der Inbegriff dessen, was Clara für Stärke hielt: selbstsicher, charismatisch, unnahbar. Wenn er einen Raum betrat, spürte man ihn, bevor man ihn sah. Er sprach laut, lachte noch lauter und schien immer im Recht zu sein. Seine Meinung war Gesetz – zumindest für ihn selbst.

Clara war fasziniert.

Am Anfang fühlte es sich an wie eine Ehre, von ihm überhaupt bemerkt zu werden. Er war der Mann, zu dem alle aufschauten – und sie war die, die er „ausgewählt“ hatte. Er nannte sie „besonders“, „anders als die anderen“ und sie sog jedes dieser Wörter auf, als wären es Tropfen Wasser in einer Wüste.

Wenn er sie lobte, leuchtete die Welt.
Wenn er sie ignorierte, brach sie in sich zusammen.

Was Clara nicht merkte: Leo sah sie nie wirklich als gleichwertig. Für ihn war sie eine Bühne, ein Spiegel, eine Verlängerung seines Egos. Er prahlte mit ihr, wenn sie ihm nützte – schön, eloquent, beeindruckend. Aber sobald sie eigene Bedürfnisse anmeldete, wurde er kalt.

„Du bist zu empfindlich“, sagte er dann.
„Du verstehst mich einfach nicht.“
„Du übertreibst.“

Clara gewöhnte sich daran, ihre Wahrnehmung zu bezweifeln. Wenn sie sich verletzt fühlte, redete sie sich ein, sie sei eben zu sensibel. Leo wusste es besser. Schließlich war er doch der Starke, der Erfolgreiche, der, zu dem alle aufschauten.

Und weil sie so zu ihm aufblickte, begann sie ihn zu imitieren – ohne es zu merken.

Sie übernahm seine Art zu reden: abwertend über andere, überlegen, spöttisch.
Sie übernahm seine Einstellungen: Die meisten seien unfähig, langweilig, schwach.
Sie übernahm seinen Blick: Es gab Gewinner – wie sie und ihn – und den Rest.

Wenn eine Freundin von ihren Problemen sprach, ertappte Clara sich plötzlich bei Gedanken wie: „Stell dich nicht so an.“
Wenn Kollegen Fehler machten, flüsterte sie anderen zu: „Mit so Leuten soll man was erreichen?“

Innerlich fühlte sie sich dadurch stärker, sicherer – so wie er.
Es war, als würde sie von seinem Glanz etwas abbekommen, wenn sie sich so verhielt wie er.

Je länger sie mit Leo zusammen war, desto weniger konnte sie Empathie aufbringen. Menschen wurden zu Statisten in einem Film, in dem sie und Leo die Hauptrollen spielten. Die anderen hatten zu funktionieren, zu bewundern, zu liefern.

Und sie bemerkte nicht, wie sie sich veränderte.
Nicht sah sie, dass sie längst nicht mehr nur das Opfer seiner Narzissmus-Dynamik war, sondern selbst zur narzisstischen Egomanin geworden war.

Eines Tages kam der Bruch.
Leo hatte schon seit Wochen Abstand genommen, war gereizt, kalt. Seine Nachrichten wurden kürzer, seine Anrufe seltener. Clara tat, was sie immer getan hatte: Noch mehr geben, noch mehr glänzen, noch mehr gefallen. Sie schmückte sich, plante besondere Abende, versuchte ihn zu beeindrucken.

Doch dann sagte er beiläufig, fast gelangweilt:

„Clara, das mit uns… das passt nicht mehr. Du bist… schwierig geworden. Zu viel Drama. Ich brauch jemand, der mich wirklich versteht.“

Es war, als würde jemand den Boden unter ihren Füßen wegziehen.
Sie, die zu ihm aufgeblickt hatte. Sie, die er geformt hatte. Sie war jetzt „zu viel“.

Er stand in ihrer Wohnung, zog ganz ruhig seine Jacke an, während sie innerlich zerbrach.

„Aber… du hast doch…“, begann sie, doch er hob nur die Hand, als wolle er ein lästiges Geräusch abwürgen.

„Lass es, Clara. Du machst alles kompliziert. Ich kann das nicht mehr.“

Dann ging er. Ohne Umarmung, ohne Rückblick.
Die Tür fiel ins Schloss.
Stille.

In den Wochen danach fühlte Clara zunächst nur Leere.
Leere und eine brennende Scham, die sie nicht ertrug. Sie konnte nicht ertragen, dass er sie verlassen hatte. Dass ausgerechnet er, der Mann, zu dem sie aufgeblickt hatte, sie einfach zurückließ – so, als wäre sie ersetzbar. Als wäre sie nichts Besonderes.

Um diesen Schmerz nicht fühlen zu müssen, tat sie das, was sie bei ihm gelernt hatte: Sie drehte alles um.

Er war ein Idiot.
Er war feige.
Er war zu dumm, um ihren Wert zu erkennen.

Und nicht nur er.

Plötzlich waren alle dumm.
Alle doof.
Alle nicht ihres Niveaus würdig.

„Die meisten sind einfach zu primitiv“, dachte sie, während sie durch Social Media scrollte.
„Niemand ist auf meinem Level.“

Sie erzählte Bekannten, dass Leo einfach „nicht mithalten konnte“, dass er sie „aus Unsicherheit“ verlassen hatte, weil sie „zu stark“ geworden war. Die Geschichte klang gut – sogar für sie selbst. Je öfter sie sie wiederholte, desto echter wurde sie. Der Gedanke, dass er sie geformt hatte, dass sie sein Spiegel geworden war, und er sie dann wegwarf, weil er sich in ihr selbstsüchtiges, hartes Spiegelbild sah – dieser Gedanke war unerträglich, also verdrängte sie ihn.

Stattdessen vertiefte sie sich in ihre neue Wahrheit:
Die Welt war voll von Menschen, die es nicht wert waren.
Menschen, die sie nicht verstanden.
Menschen, die nur von ihr profitieren wollten – so redete sie es sich ein.

Aber gleichzeitig konnte sie nicht ohne diese Menschen sein.

Sie brauchte Publikum.
Sie brauchte Bewunderer, Zuhörer, Leute, die sich an ihr orientierten.

Also suchte sie weiter.
Neue Freunde, alte Bekannte, Kollegen, flüchtige Bekanntschaften. Jeder, der kurz stehen blieb, wurde in ihr Geflecht gezogen. Sie konnte charmant sein, witzig, aufmerksam – solange klar war, dass sie die Hauptrolle spielte.

Sie hörte dir zu – aber nur, um später von sich zu reden.
Sie gab dir Ratschläge – aber aus einer Position der Überlegenheit.
Sie bestätigte dich – solange du ihr gleichzeitig signalisiertest, dass sie über dir stand.

Geben, ohne etwas zurückzubekommen?
Jemanden respektieren, der nicht „auf ihrem Niveau“ war?
Echte Rücksicht?

Dafür war in ihrer Welt kein Platz mehr.

Wenn jemand es wagte, Grenzen zu setzen oder sich zurückzuziehen, schob sie sie innerlich sofort in die Schublade: „Undankbar. Schwach. Dumm.“

Ein ehemaliger Schulfreund schrieb irgendwann: „Clara, weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, du siehst niemanden außer dir selbst.“
Sie las die Nachricht, lachte spöttisch, zeigte sie einer Bekannten und sagte nur:
„Der ist doch nur beleidigt, weil er nicht mehr interessant genug ist.“

Sie setzte sich auf ihr Sofa, umgeben von Dingen, die glänzten: teure Dekoration, stylishe Möbel, sorgfältig gewählte Farben. Alles war perfekt inszeniert, als wäre das Leben ein endloser Katalog.

Doch die Kontakte wurden oberflächlicher.
Die Treffen seltener.
Die Gespräche hohler.

Immer wieder tauchte dieses kleine, nagende Gefühl in ihr auf – eine leise Frage, die sie schnell mit Lärm zudeckte: Musik, Serien, Social Media, neue Bekannte.

„Warum bin ich schon wieder allein?“
Der Gedanke blitzte auf – und wurde sofort von einem anderen überdeckt:
„Weil die Leute einfach nicht gut genug sind. Ich verdiene mehr.“

In seltenen, sehr stillen Momenten, wenn die Nacht tief war und niemand schrieb, stand sie manchmal vor dem Spiegel. Sie sah eine Frau, die stark wirken wollte, deren Augen aber kurz flackerten. In diesen Sekunden war da etwas wie ein Hauch von Erkenntnis.

Wer hat dich gelehrt, so auf andere herabzusehen?
Wer hat aus dir gemacht, was du heute bist?
Und warum hältst du dieses Muster am Leben, obwohl es dich einsam macht?

Doch bevor aus diesen Fragen Antworten werden konnten, straffte sie die Schultern, zog die Mundwinkel nach oben und sagte laut zu ihrem Spiegelbild:

„Du bist besser als alle anderen. Sie haben dich nicht verdient.“

Und so ging sie weiter durchs Leben:
Überzeugt, dass alle anderen dumm, doof und es nicht wert waren.
Blind dafür, dass sie selbst zum Spiegelbild des Mannes geworden war, zu dem sie einst aufgeblickt hatte.

Sie bemerkte nicht, dass sie selbst der Grund war, warum echte Nähe immer wieder zerbrach.
Sie bemerkte nicht, dass sie gab, um zu herrschen – aber nie, um wirklich zu verbinden.

Und obwohl sie innerlich längst hohl klang, würde sie weiterhin versuchen, alle für sich einzuspannen:
ohne zu geben,
ohne zu respektieren,
immer auf der Suche nach Leuten, die ihr ihre Größe bestätigen –
und immer fliehend vor der einen Wahrheit, die sie nicht ertragen konnte:

Dass nicht „alle anderen“ das Problem waren.
Sondern sie selbst.


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